Haar, 11. April 2016 - Eines müsste mir klar sein, das schärft mir der deutsche Ligier-Geschäftsführer Hardy Dupont immer wieder ein: Der Ligier JS50L ist kein Auto, es ist eine Alternative zum Roller. Um Gottes Willen, ein Roller. Es ist kalt, ich habe Husten. Hat dieser Ligier überhaupt eine Heizung oder wird sich mein Katarrh zur Bronchitis auswachsen? Ich bin ernsthaft besorgt, als das Au ... Pardon: der Vierrad-Roller ankommt.
Länger als ein Smart
Der Ligier kommt auf dem Hänger, hieß es, aber das muss ein Missverständnis gewesen sein. Er steht auf einem eher kleinen Pritschenwagen, und die Ladefläche ist mit dem Drei-Meter-Wägelchen noch unterfordert. Dabei deutet das L im Modellnamen auf die Langversion hin. Drei Meter sind nicht viel für ein ... na, Sie wissen schon, aber andererseits: Ein Smart Fortwo ist noch 30 Zentimeter kürzer. Länge ist wichtig, denn in meinem Stadtviertel wurde der letzte freie Parkplatz im Jahr 1975 gesichtet.
Die Kraft von sechs Pferden
Nachdem er das Wägelchen von der Pritsche gerollt hat, zeigt mir Dupont den kleinen Zweizylinder-Saugdiesel mit 500 Kubik, der das Ding antreibt. Warum denn ein Diesel, frage ich. Weil bei einem Leichtkraftfahrzeug sonst nur ein Benziner mit 50 Kubik erlaubt gewesen wäre. Und so ein klassischer Rollermotor wäre mit der Karosserie überfordert gewesen. Sonst hat der Viertakter von Lombardini aber die rollertypischen vier Kilowatt. Vier? Ja, vier. Für einen Autoredakteur eine schockierende Zahl. Aber positiv denken hilft, also schärfe ich mir ein: Das sind, mit etwas gutem Willen, sechs PS, also die Kraft von sechs Pferden. Sechs!
Leichter als ein Pferd
Dabei ist der Ligier mit nur 400 Kilo deutlich leichter als ein einziger Vollblut-Gaul. Ein Alu-Chassis und eine Karosserie aus Polycarbonat-ABS machen das Wägelchen so leicht. Dupont demonstriert es mir: Er formt aus seinen Händen einen Vorschlaghammer und lässt diesen mit einem Riesenkrach gegen die Fahrertür sausen. "Machen Sie das ja nicht mit Ihrem eigenen Auto", empfiehlt er mir. Dann zeigt er mir die übrigen Vorzüge: Scheibenbremsen rundum, unglaublich, das hat noch nicht mal jeder Polo - auch wenn die hinteren aussehen wie bei einem Mountainbike. Dazu noch rote Bremssättel, ein glänzend schwarzer Diffusor und zwei dicke Chromauspuffrohre, wie bei den Großen! Innen hat der Wagen schwarze Ledersitze mit roten Nähten, nett anzusehende Instrumente, beim Motorstart sausen die Nadeln über die Skala der Uhr, und das Radio wird über ein überraschend großes Display bedient. Vor allem aber: Es gibt eine Heizung.
Tock-tock-tock!
Nach Feierabend, im üblichen Stau durch die Münchner Prinzregentenstraße, wird mir schnell warm. Und bei Maximaltempo 25 fühle ich mich all den BMWs und Volvos kein bisschen unterlegen, eher im Gegenteil. Am nächsten Morgen ist die Straße freier, und auf der Ausfallstraße hinaus in die Redaktion finde ich mich inmitten einer Rennserie wieder: Jeder Wettbewerb geht über anderthalb Kilometer, von Ampel zu Ampel. Jetzt merke ich, dass die sechs Pferde unter der Haube keine Wunder vollbringen, höchstens mit LKWs kann ich mithalten. Die anderen Autofahrer legen aber eine Art Beißhemmung an den Tag: Mitleidig lassen sie mich mit diesem Wägelchen eher mal einscheren als sonst. Nur einmal, als ich mich auf die linke Spur wage, werde ich von hinten ungeduldig angehupt. Dabei schafft mein Ligier laut Tacho 51 km/h, sogar ein wenig mehr als die offizielle Höchstgeschwindigkeit von 45 km/h.
Eine ziemliche Rappelkiste
Mit der gemächlichen Gangart meines neuen Freundes habe ich mich schnell arrangiert. Nur der Sound, an den kann ich mich schwer gewöhnen. Der Motor macht einen Höllenlärm. Nach dem Kaltstart klingt er wie ein Presslufthammer oder ein Maschinengewehr. Tock-tock-tock! Außerdem ist der JS50L eine ziemliche Rappelkiste - ja, das muss man so sagen. Besonders krass ist es beim Anfahren. Dann wird das Geruckel und Gezockel wirklich schlimm, was mit dem Kriechgang zusammenzuhängen scheint, den Ligier in das Variomatic-Getriebe integriert hat. Der soll eigentlich das Einparken erleichtern, weil das Wägelchen damit nicht so abrupt lossaust, sondern sanft mit sieben km/h lostuckert.
Innenraum: Bitte nicht weinen
Auch an den Innenraum darf man nicht die Auto-Messlatte legen. Die Winz-Lautsprecher klingen arg dürftig, der Fahrersitz kippt beim Bremsen immer ein Stückchen nach vorn, an den Türzuziehern gibt es scharfe Grate, und wenn man auf das Armaturenbrett drückt, quietscht es und gibt nach. Leichtbau eben, sage ich mir, und versuche wieder, positiv zu denken: Mit dem Ligier ist man individuell mobil, das Ding hat ein Dach gegen Regen, eine Heizung gegen Kälte, man kann einen Beifahrer und dazu noch vier Bierkästen transportieren (versuchen Sie das mal mit einem Rad). Und auch wenn unlängst ein Crashtest verheerende Ergebnisse bei diversen Kleinstmobilen brachte: Sicherer als mit einem Roller, der gar keine Knautschzone bietet und bei Regen gern mal aus der Kurve fliegt, ist man wohl schon.
Schon mit 16 mobil
Der springende Punkt am Ligier JS50L ist aber: Man darf ihn schon ab 16 fahren, mit einem Führerschein der Klasse AM. Seit zwei Jahren ist das so. Die Versicherungskosten sind gering: 79 Euro jährlich für die Haftpflichtversicherung, 120 Euro für eine Teilkasko und ab 350 Euro (je nach Alter des Fahrers) für Vollkasko. Den Verbrauch gibt der Hersteller mit 2,5 Liter Diesel an, ganz schön viel eigentlich, so mancher Kleinwagen kommt mit 3,0 Liter Diesel aus. Dafür zahlt man für den Ligier keine Steuer und hat kein TÜV-Gerenne. Der Anschaffungspreis ist allerdings happig: 8.490 Euro werden mindestens fällig, der gefahrene JS50L mit der drehmomentstärkeren Motorvariante "DCI Révolution" kostet sogar rund 14.000 Euro. Einen Dacia Sandero mit viel mehr Nutzwert kriegt man schon für die Hälfte. Oder, wenn man keinen Autoführerschein hat: Wie wärs mit einer Vespa für den Sommer und dem Taxi im Winter?
Und doch auch irgendwie cool
Okay, der Ligier ist eine teure Rappelkiste. Aber bei allen Macken ist das Ding doch auch irgendwie cool. Zumindest nicht die Art von Vehikel, die man vergessen hat, ehe man die Tür zugeschlagen hat. Im Regal meiner Auto-Erinnerungen kommt er in eine Reihe mit einem Lada Niva in Zebra-Lackierung, dem Toyota i-Road mit waghalsiger Hinterradlenkung, dem urig-verschrobenen Land Rover Defender und natürlich dem keineswegs makellosen Caterham.
Gesamtwertung
Der Ligier JS50L ist etwas für gut Betuchte aus zwei Altersgruppen: Senioren, die sich kein schnelleres Gefährt mehr zutrauen, und junge Leute um die 16. Die Jungen werden ihre Eltern leicht rumkriegen, schließlich ist das Taxi-Spielen für den Nachwuchs damit vorbei. Sicherer, komfortabler und praktischer als Roller oder Fahrrad ist das Vehikel allemal. Allen, die nicht zu den Zielgruppen gehören, raten wir ab: Das Ding ist arg teuer und rappelig. Es sei denn, man findet dergleichen cool.
+ geringe Unterhaltskosten, komfortabler und sicherer als ein Zweirad, schon ab 16 fahrbar, nette Optik
- laut und rappelig, hoher Preis
Modell |
Ligier JS50L DCI Révolution |
Motor
|
Bauart |
Viertakt- Saugdiesel, Flüssigkühlung, elektronisch geregelte Direkteinspritzung |
Zylinder / Ventile |
2 |
Antrieb |
Frontantrieb |
Getriebe |
CVT (Variomatic) |
Hubraum |
480 cm³ |
Leistung |
4 kW bei 3.200 U/min |
max. Drehmoment |
26 Nm bei 1.400 U/min |
Fahrwerk
|
Bremsen vorn |
Scheiben |
Bremsen hinten |
Scheiben |
Räder vorn |
15-Zoll-Alufelgen mit Reifen 155/60 R 15 |
Räder hinten |
wie vorn |
Wendekreis |
9,2 m |
Maße
|
Länge |
2.990 mm |
Breite |
1.561 mm |
Höhe |
1.372 mm |
Leergewicht |
400 kg |
Tank |
17,5 l |
Messwerte
|
Höchstgeschwindigkeit |
45 km/h |
Verbrauch gesamt |
ca. 2,5 l/100 km |
Stand: Oktober 2015
Modell |
Ligier JS50L Club |
Grundpreis |
12.890 € |
Ausstattung
|
Fahrerairbag |
349 € |
Automatikgetriebe |
Serie |
CD-Radio |
Serie |
elektr. Fensterheber vorn |
Serie |
Klimaanlage |
1.290 € (nur mit Motor DCI Révolution) |
Leichtmetallfelgen |
Serie (15 Zoll) |
Nebelscheinwerfer |
Serie bei Elegance |
Zentralverriegelung |
Serie |
Motor DCI Révolution (26 statt 17 Nm) |
1.190 € |
Pack Multimédia (Radio, 7-Zoll-Display, Rückfahrkamera) |
799 € |
Parkpiepser hinten |
Serie bei Elegance |
rote Bremssättel |
Serie |
Color-Line-Paket (Dach und Heckspoiler in anderer Farbe) |
199 € |
Color-Line-Plus-Paket (wie Color Line, aber zusätzlich zweite Farbe auch für Innenraumdetails) |
299 € |